Eigentlich ist St. Tite eine ganz normale kanadische Kleinstadt im Nordosten von Montreal. 4000 Einwohner, gemütliche Holzhäuser mit Veranda und Schaukelstuhl, auf denen sich die Nachbarn nach Feierabend auf ein Schwätzchen treffen. Nur einmal im Jahr gerät ihre Welt aus den Fugen – dann aber richtig. Zum Western Festival im September rollt eine Karawane von 15.000 Wohnmobilen in den Ort, Cowboys und solche, die es sein möchten, kommen aus ganz Québec, aus den anderen kanadischen Provinzen und aus den USA, um beim größten Rodeo in Ostkanada dabei zu sein.

Rodeo in Kanada
Die Idee entstand von 50 Jahren. Da beschlossen die Besitzer der ortsansässigen, weltbekannten Cowboystiefelfabrik ein kleines Rodeo zu veranstalten. Sie rechneten mit 200 Besuchern. 6000 kamen. Heute sind es eine halbe Million Menschen, die St. Tite schier überrollen. Mit Cowboyhut und Fransenweste stiefeln sie durch die Stadt, die sich westernmäßig herausgeputzt hat und zwei Wochen lang so ziemlich alles bietet, was man als Cowboy oder -girl so braucht. In diesem Jahr wird besonders gefeiert, denn vom 7. bis 17. September 2017 findet das Rodeo zum 50. Mal statt.

Rodeo in Kanada

Ich treffe Camille, der früher selbst einer von diesen „verrückten Jungs“ war, die in der Arena ihr Leben riskieren. 17 Jahre lang lebte der gebürtige Québec-Kanadier in Wyoming, ritt dort Pferde ein und nahm an Rodeos teil. „Man kann eine Menge Geld damit machen, aber es ist auch verdammt gefährlich“, grinst der ergraute Haudegen und zählt auf, was er sich schon alles gebrochen hat. Die Knie sind neu, die Schulter brauchte acht elend lange Monate, bis sie einigermaßen verheilt war, und das Gesicht hat er sich gleich mehrmals richten lassen. „Was soll’s, das ist ein Teil meines Lebens“, zuckt Camille mit den Schultern und scheint zu bedauern, dass er sich diesmal nicht aufs bockende Pferd schwingen muss.

Rodeo in Kanada: 8 Sekunden auf dem Mustang

Rodeo in Kanada

Im Paddock warten die Pferde auf ihren Auftritt am Abend. Die Mustangs kommen aus Nevada. Dort gibt es noch 15.000 wilde Pferde. Einmal im Jahr werden sie zusammengetrieben und einige werden dann bei Auktionen verkauft. Die 120 Mustangs, die in St. Tite im Rampenlicht stehen, sind zwischen fünf und 17 Jahre alt. Obwohl etliche von ihnen schon viele Rodeos gesehen haben, bleiben sie wild. Mindestens acht Sekunden soll sich ein Rodeoreiter auf ihnen halten, dann werden die Pferde wieder in den Paddock getrieben. Acht Sekunden an einem Wochenende – in dieser Zeit lässt sich kein Pferd wirklich einreiten.

Rodeo in Kanada

Es ist soweit, das Stadion füllt sich, ist längst bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Ansager peitscht die Stimmung hoch, spielt Songs, die jeder kennt. „We will rock you“ ertönt es im Chor aus 7000 Kehlen, und dann geht es los, der erste Mustang bockt in die Bahn, wirft sein Hinterteil hoch, steckt den Kopf tief zwischen die Vorderbeine und macht den Rücken rund. Für den Reiter müssen die acht Sekunden, bis der erlösende Ton erklingt, endlos sein. Wer jetzt noch nicht unten liegt, wird von zwei Cowboys, die das Rodeopferd mit ihren Pferden einkesseln, quasi „abgeholt“.

Rodeo in Kanada

Ein Wettbewerb jagt den nächsten – Tonnenrennen, das Einfangen von Kälbern mit dem Lasso, Reitertausch auf dem galoppierenden Pferd und immer wieder die bockenden Mustangs. Der Höhepunkt jedoch kommt ganz zum Schluss: das Bullenreiten. Nichts hält das grölende, jubelnde, applaudierende Publikum mehr auf den Stühlen, als die Helden des Tages in die Arena stürmen: die Bullfighter.

Die Bullfighter kommen

Einer von ihnen, der so genannte „Barrel man“ lässt sich im Clownskostüm von den 7000 Zuschauern feiern. Die drei waghalsigen stuntmen, die den Bullen ablenken soll, falls der sich auf den Reiter am Boden stürzen will, verwandeln das Stadion vollends in einen Hexenkessel aus brüllenden Männern und kreischenden Cowgirls.

Rodeo in Kanada: Bullenreiten

Doch dann donnert der erste Stier in die Bahn und alles ist still, während sich ein mutiger Rodeoreiter mit einer Hand an den muskelbepackten 900-Kilo-Bullen unter ihm klammert. Drei mächtige Bocksprünge später liegt der Reiter am Boden und versucht, so schnell wie möglich außer Reichweite der gefährlichen Hörner des Bullens zu geraten. Der Bullfighter kommt ihm zur Hilfe, lenkt das Tier ab, so dass sich der Reiter – leicht hinkend – hinter die Kulissen retten kann. Die Zuschauer atmen auf, klatschen, und schon wird der nächste Reiter angekündigt. Camille hat sich unbemerkt an den Rand der Tribüne zurückgezogen. Wenn der nächste Bulle aus seiner Box schießt, sitzt er im Geiste selbst auf seinem Rücken, spürt den Adrenalin-Kick, spannt die Wadenmuskeln an, versucht die Bewegung vorauszuahnen, mit zu gehen…  Das Rodeo ist und bleibt sein Leben.

Infos:

Rodeo in Kanada: Das nächste Western Festival in St. Tite findet vom 7. bis 17 September 2017 statt. Die Landessprache in der kanadischen Provinz Québec ist französisch, mit englisch kommt man jedoch überall ganz gut durch.



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